Stellungnahme von Dr. Eckhart Pilick

GEGENDARSTELLUNG

Aufgeschreckt baten mich im Dezember Freunde und KONKRET-Leser, doch bitte nicht das Alte Testament verbieten zu lassen, wenigstens nicht vor Weihnachten oder vor ihrer Trauung, zu der ich über eine Stelle aus dem Hohenlied sprechen wollte. Ich konnte sie beruhigen, zumal ich gerade eine Vorlesung darüber angekündigt habe. Entweder hat Peter Kratz meine Glosse (§ 88a) nicht gelesen, dann schreibt er wohl im Auftrag christlicher Theologen, oder er kennt und verdreht sie. Es ist jedenfalls absurd, mich oder die Freireligiösen in die Nähe der Nazis zu stellen. Zuerst wurden die Freireligiösen drangsaliert, weil sie keine Christen mehr sein wollten, dann verboten die Nazis den Bund Freireligiöser Gemeinden wegen der Überzahl an Marxisten und Sozialdemokraten unter ihren Mitgliedern, und jetzt glaubt man uns unsere bescheidenen Möglichkeiten nehmen zu können durch Verleumdung.

Die Parole „Los von Rom“ meinten die Freireligiösen ganz und gar nicht „antisemitisch“, wie der Verfasser absurderweise nahe legt. (Rom war und ist nicht philo­semitisch), sie stammt vielmehr von Robert Blum, von Johannes Ronge und Carl Scholl; die beiden letzteren waren mit Jüdinnen verheiratet und kämpften gegen Antisemitismus und für die Emanzipation der Juden. Zu diesen „Dissidenten“ zählten Roßmäßler, Käthe Kollwitz und zahlreiche Juden, wie etwa aus meiner Gemeinde Karlsruhe (nicht Ludwigshafen, wie Kratz schreibt) auch  Ludwig Marum, der von den Nazis im KZ ermordet wurde. Ebenfalls Mitglied der Freireligiösen Gemeinde Karlsruhe wurde 1979 die Cousine Albert Einsteins, Frau Dr. Elisabeth Steiner, nachdem sie einige Jahre lang unsere Monatszeitschrift Freie Religion gelesen hatte; sie hatte das KZ Theresienstadt überlebt.

Nicht durch SPD-Abgeordnete werden wir heute unterstützt, sondern durch die Körperschaftsrechte, die den Freireligiösen in der 48er Revolution verliehen und die ihnen in der Weimarer Republik 1919 und der Bundesrepublik 1949 bestätigt wurden, trotz des Widerstands der Kirchen und der Rechten.

Wie Kratz verdreht, mögen Sie an folgendem Beispiel erkennen. In KONKRET S. 27 zitiert er aus der freireligiösen Monatsschrift WEGE OHNE DOGMA in Zusammenhang mit dem Gründer der nazifreundlichen ,Deutschen Glaubensbewegung‘ (über deren Beziehung zu den Freireligiösen, vergleiche: Ulrich Nanko, Die Deutsche Glaubensbewegung, Diagonal-Verlag Marburg 1993): „Worüber hätte Hauer trauern sollen?“

Der Satz findet sich in einem Beitrag von Klaus Mußfeldt in WEGE OHNE DOGMA 12/1993.  (Mußfeldt gehörte niemals einer Freireligiösen Gemeinde an, sondern ist evangelischer Christ und Religionslehrer). In dem Artikel nimmt er Stellung zu einer Broschüre der Stuttgarter „Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ (EZW), in der ein Zusammenhang zwischen heutigen rechtsextremen Gewalttaten und dem Abfall vom Christentum hergestellt wurde.

Dem von Kratz zitierten Satz: „Worüber hätte Hauer trauern sollen?“ folgt bei Mußfeldt: „Das sagt das (evangelische! E.P.) Heft nicht ausdrücklich …“ Mußfeldt bemängelt also bei den Christen, was Kratz in KONKRET als scheinheilige Aussage der Freireligiösen hinstellt! Außerdem führt Mußfeldt in seinem Beitrag aus, daß der Leiter der EZW, Dr. Karl Hutten, Schüler Hauers gewesen und begeisterter Anhänger des Nationalsozialismus war (Hutten: „Es geht uns um das Werk Adolf Hitlers in unserem Volk und darum, daß unsere Kirche ein freudiges Ja dazu habe …“). Hutter warf Hauer damals vor, sich nicht nur vom Christentum, sondern auch von Hitler getrennt zu haben, der Christ Hutter erklärte den Antisemitismus als eine „durch und durch sittliche Bewegung“, die von den Christen unbedingt bejaht werden müsse. Fazit des Mußfeldt-Artikels, den Kratz als Beleg für die Nähe der Freireligiösen zum Faschismus und Antisemitismus (natürlich verdreht) zitiert: „Nicht die eigene Vergangenheit, sondern lediglich die von Gegnern wird (von der Kirche) aufgearbeitet, wobei noch die Gelegenheit wahrgenommen wird, sich selber als kämpferisch für das Gute erscheinen zu lassen“ (S. 267).

Es gab gewiß auch in den über 150 Jahre alten Freireligiösen Gemeinden einzelne Anhänger des Nationalsozialismus, aber die überwiegende Mehrzahl unserer Mitglieder war und ist bis heute antifaschistisch. Wie andere Religionsgemeinschaften schließen wir unsere Sünder nicht aus, sondern versuchen sie aufzuklären. Bei dem von Kratz erwähnten Dietrich Bronder wurde allerdings eine Ausnahme gemacht: Er wurde aus seiner Freireligiösen Landesgemeinschaft ausgeschlossen.

Bevor ich nun das Alte Testament verbieten lasse, möchte ich Peter Kratz noch den Psalm 33,14 in Erinnerung rufen und ihn mit dem Prediger Salomon ermahnen: „Sechs Dinge sind, die der Herr haßt, und das ,siebente verabscheut seine Seele: lügenhafte Zeugen …einen falschen Zeugen, der Lügen vorbringt und wer Zwietracht aussäht unter Brüdern.“

Eckhart Pilick

(Dr. Eckhart Pilick ist Landessprediger der Freireligiösen Landesgemeinde Baden a.D. und eh. Redakteur von “ Wege ohne Dogma“ a.D. Die Stellungnahme richtet sich gegen KONKRET 1/98, Artikel von Peter Kratz „Führer Unser“. Den oben kursiv gesetzten Abschnitt hatte KONKRET veröffentlicht.)

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Archiv

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s