Offizielle Stellungnahme der AG freireligiöser und freigeistiger PfarrerInnen und SprecherInnen

Stellungnahme zum Artikel von Peter Kratz „Führer Unser“, KONKRET 1/98

Auf dem letzten Treffen von Sprechern, Sprecherinnen, Predigern, Pfarrerinnen und Pfarrern verschiedener freireligiöser und freigeistiger Gemeinschaften Deutschlands wurden die jüngsten Vorgänge um diffamierende und entstellende Äußerungen über Gemeinden und Repräsentanten des seit 1845 bestehenden freireligiösen Spektrums besprochen. Die anwesenden Kolleginnen und Kollegen kamen überein, hierzu eine Stellungnahme abzugeben:

Der seit Jahren immer wieder durch Angriffe auch auf Freireligiöse Gemeinden und sie vertretende Persönlichkeiten bekannt gewordene Peter Kratz hat in der Januar-Ausgabe 1998 der Zeitschrift KONKRET unter der Überschrift „Führer Unser“ behauptet, „Die Freireligiösen sind eine Sekte, die Adolf Hitler zu ihrem Gott erklärte und ein genetisch gereinigtes Volk für göttlich hält.“ Neben die den Freire­ligiösen zugeschriebenen Aussage: „lm Willen Adolf Hitlers kommt in der Tat der Wille Gottes zum Ausdruck“ stellt er die Behauptung: „Der wichtigste Ideologe der Freireligiösen wünschte seine Gegner noch 1990 ins KZ …“

Zu diesen Behauptungen gelangt Herr Kratz durch seine Methode, aus dem Zusammenhang gerissene historische Aussagen und Umstände durch unzutreffende VerknÜpfungen auf gewesene und gegenwärtige Organisationen oder Personen zu übertragen, diese damit zu diffamieren und zum Ziel einer umfassenden Kampagne zu machen. Zusammen mit klaren Fehlinterpretationen und falschen Informationen über nachweisbare Tatsachen sowie durchaus bedenkenswerten Punkten ent­steht so ein verzerrtes Bild, das am Ende zu falschen, zum Teil absurden Ergebnissen führt. Für diese unsachliche und tendenziöse Methodik ist Peter Kratz seit langem bekannt, und sie ist mit all ihren Rückschlüssen als wissenschaftlich und journalistisch unredlich zurückzuweisen.

Es ist richtig – und nichts wesentlich Neues , daß auch in freireligiösen Gemeinden einzelne Personen und Ereignisse in enger Anbindung an die Ideologie völkischer und nationalsozialistischer Kreise standen, als das heute für uns nachvollziehbar ist. Zu einem Zusammenschluß mit völkischen oder nationalsozialistischen Kreisen kam es jedoch nicht; der angeblich „führende Ideologe“ war zum Zeitpunkt des von ihm zitierten KZ-Ausspruchs wegen des Verstoßjes ge­gen das Toleranzgebot und wegen rassistischer Äußerungen längst aus der damali­gen Freireligiösen Landesgemeinschaft Niedersachsen ausgeschlossen worden; Georg Picks Buch „Die Religion der Freien Deutschen“ war in der Tat ein beklem­mendes Beispiel für ein „Zuviel“ an Zugeständnissen an die politischen Verhält­nisse -aber auch nur das: So war Georg Pick einer derjenigen, die einen Beitritt zur ADG Hauers gerade wegen des Arierparagraphen und des Führerprinzips strikt ablehnten.

Die an dieser Erklärung beteiligten freireligiösen und freigeistigen Sprecher, Sprecherinnen, Prediger, Pfarrer und Pfarrerinnen weisen daher die Anschuldigun­gen von Peter Kratz entschieden als in Kern und Inhalt unrichtig zurück. Sie be­trachten das Ganze ansonsten mit einer gewissen Gelassenheit, da die Schlußfolge­rungen von Peter Kratz zu so absurden und falschen Ergebnissen kommen, daß sie – wie auch in anderen Zusammenhängen bereits gerichtlich bestätigt – als bloße „substanzlose“ Meinungsäußerungen gewertet werden müssen. Da jedoch auch unwahre Behauptungen ihre Wirkung entfalten, soll diese Stellungnahme auf einige der grundsätzlichen Gegenargumente zu den Vorwürfen von Herrn Kratz hinweisen, ohne dabei im Detail auf alle einzelnen Punkte des Kratz’schen Artikels eingehen zu können (was weiteren Betrachtungen vorbehalten bleibt, die in Vorbereitung sind). Abgesehen von der generellen Kritik an der Arbeitsmethode von Peter Kratz, die auch in dem hier angesprochenen Artikel durchgängig zur Anwendung kommt, be­ziehen wir uns dabei vor allem auf die oben zitierten Aussagen, die durch den Fett­druck als zusammengefaßte Kernaussagen des Artikels verstanden werden müs­sen. An ihnen wird besonders deutlich, daß das den Freireligiösen hier unterstellte Gottesbild sowie die Behauptung, die Freireligiösen seien eine faschistische Sekte, sowohl vom religiös-weltanschaulichen als auch vom strukturell-organisatorischen Ansatz her nicht haltbar sind:

1. Insofern der Gottesbegriff in freireligiösen Kreisen heutzutage überhaupt noch gebraucht wird, hat er sämtliche traditionellen monotheistischen Züge verloren (z.B. jenseitige Personalität, die sich diesseitig mit Willensbekundungen und ein­greifendem Lenkvermögen offenbaren würde). Auch wenn manche Freireligiöse noch von einem „Göttlichen“ in einem weitgefaßten pantheistischen Sinne spre­chen, nähern sie sich mehr ontologischen und ethisch-philosophischen Konzepten, als daß sie sich unter einem „Göttlichen“ eine wie auch immer geartete, mit Ver­stand, Willen und Tatkraft ausgestattete Wesenheit vorstellen würden, die nach ei­nem „Führer-Unser“-Prinzip anzubeten wäre. Wenn Freireligiösen schon die Glau­bensgestalt Jesu nur als Religionstifter des Christentums und nicht als göttlicher Christus gilt, um wieviel mehr werden Freireligiöse dann jede Erhebung eines hi­storischen Menschen zu einem Gott ablehnen, und dann noch eines Diktators wie Hitler!

2. Auch alle weiteren Überzeugungen Freier Religion und freigeistiger Weltan­schauung stehen vom Anfang ihrer mehr als 150jährigen Geschichte bis heute in einem deutlichen Gegensatz zu jedem faschistischen Denken. So wird die indivi­dualistische Selbstbestimmung der „Priesterschaft aller Gläubigen“ so weit ver­standen, daß es überaus schwierig ist, überhaupt von einer einheitlichen Gemein­schaft zu sprechen. Persönliche Aufrichtigkeit unter Einsatz des Gebrauchs von Vernunft und Erfahrung hatte in freireligiösen und freigeistigen Gemeinschaften von ihren Anfängen bis heute Vorrang vor jeglicher Gleichförmigkeit in Lehre und Brauchtum und erst recht vor einer „Gleichschritt-Marsch“-Haltung.

3. Im gleichen Sinne wendet sich freireligiöse und freigeistige Lebenseinstellung gegen alle ideologisierenden Richtungen, die schematisch verallgemeinern, abso­lute Maßstäbe setzen und Anspruch auf eine alles unterwerfende Macht erheben. Sie achtet demgegenüber im humanistischen Sinne sowohl auf Glaubens-, Geistes­und Gewissensfreiheit des einzelnen Menschen als auch auf den Wert und die Würde der Einmaligkeit und Einzigartigkeit jedes persönlichen Lebens. Aus all dem wird klar: Die nicht-dogmatische Lehre und die nicht-hierarchische Struktur der freireligiösen und freigeistigen Organisationen sind ebenso wie ihre wesentli­chen Glaubens- und Überzeugungsmerkmale genau das Gegenteil eines faschisti­schen „Führer Unser“-Prinzips.

4. Herr Kratz behauptet, die Freireligiösen seien eine „Sekte“. Dies ist über die freireligiöse Selbsteinschätzung hinaus auch nach religionswissenschaftlichen, so­ziologischen und psychologischen Kriterien nicht haltbar, da keines der allgemein anerkannten Merkmale einer Sekte erfüllt wird, das über die Tatsache der formalen Ablösung einer kleineren Gruppe von einer größeren hinausgeht. Zu diesen, bei den Freireligiösen Gemeinden nicht zu findenden Charakteristiken einer Sekte gehören:

    • Absolutheitsanspruch bezüglich der Wahrheit der eigenen Weltanschauung;
    • Anspruch als Mitglied einer solchen Gemeinschaft bezüglich des Seelenheils auserwählt zu sein;
    • missionarisches Sendungsbewußtsein bezüglich des selbstdefinierten Auftrags;
    • Endzeiterwartung bezüglich eines bevorstehenden Weltuntergangs;
    • Glaube an ein personales, göttliches Wesen und eine sie im Diesseits vertretende Person in Form eines unfehlbaren, die göttliche Botschaft interpretierenden Sektengründers bzw. einer Sektengründerin;
    • unbedingte Buchstabengläubigkeit gegenüber einer heiligen Schrift und ihren Auslegungen und neuen Offenbarungen durch die Person des Sektengründers bzw. der Sektengründerin;
    • strenge, auf Unterwerfung abgestimmte Lebenspraxis, die eine „sündige“ Welt von einer „reinen, heilen“ Welt der Gläubigen abgrenzt.

Alle Gemeinschaften des freireligiös-freigeistigen Spektrums lehnen derartige Denkweisen und Praktiken kategorisch ab und sind aus dieser Ablehung heraus in der Kritik zu bestehenden Religionen und religiösen Gemeinschaften entstanden. Sie sind daher mit ihren Anliegen und Hoffnungen das genaue Gegenteil einer totalitären und exklusiven „Führer-Unser“-Sekte. Vielmehr sind sie Teiljenes breitgestreuten Spektrums unserer Gesellschaft, das die Individualität und Einzigartigkeit eines jeden Lebens betont, erhalten und fördern will. Das Aufdecken von verkappten Nazis und rassistischem Gedankengut ist ein wichtiges Anliegen, das auch Freireligiöse teilen. Immerhin haben gerade während der Nazi-Herrschaft etliche freireligiöse und freigeistige Mitglieder unserer Gemeinden gerade deshalb Verfolgungen erleiden müssen, weil sie der SPD oder den Kommunisten nahestanden und den Nationalsozialismus ablehnten. Wir stellen fest, daß auch bei Peter Kratz die SPD immer mit in der Schußlinie steht.

Die an dieser Stellungnahme Beteiligten legen größten Wert darauf, Personen oder Organisationen vor allem durch persönlichen Augenschein zu beurteilen. Sie laden jeden ein, durch Besuch einer Veranstaltung oder ein Gespräch mit Mitgliedern oder Repräsentanten freireligiöser oder freigeistiger Gemeinden selbst zu erleben, welches Gedankengut hier gepflegt wird. Das gilt auch für Herrn Kratz, der diese Möglichkeit unseres Wissens bisher nie wahrgenommen hat.

Gezeichnet:

Renate Bauer; Ludwigshafen Landessprecherin der Freireligiösen Landesgemeinde Pfalz, K.d.ö.R.

Udo Becker, [dar-Oberstein, Pfarrer der Freireligiösen Gemeinde Idar-Oberstein, K.d.ö.R.

Dr. Holger Behr, Langen, Sprecher der Freireligiösen Gemeinde Wiesbaden, K.d.ö.R.

Elke Gensler, Mainz, Pfarrerin der Freireligiösen Gemeinde Mainz, K.d.ö.R.

Jürgen Gerdes, Hannover, Landessprecher der Freien Humanisten Niedersachsen, K.d.ö.R.

Heinrich Keipp, Offenbach/M., Pfarrer der Frei-religiösen Gemeinde Offenbach/M., K.d.ö.R.

Helmut Manteuffel, Offenbach/M., Pfarrer der Frei-religiösen Gemeinde Offenbach/M., K.d.ö.R.

Matthias Pilger-Strohl, Neu-Isenburg, Landessprecher der Freireligiösen Landesgemeinschaft Hessen, K.d.ö.R.

Dr. Eckhart Pilick, Karlsruhe, Landessprecher der Freireligiösen Landesgemeinde Baden, K.d.ö.R.

Thomas Lasi, Heidelberg, Landessprecher der Freireligiösen Landesgemeinde Baden, K.d.ö.R.

Ludwigshafen, den 30. Dezember 1997

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